Versteckte strukturelle Schäden gehören mitunter zu den größten Risiken beim Kauf eines gebrauchten Bootes. Sie sind für Laien meist nicht erkennbar – können aber gravierende Auswirkungen auf Sicherheit, Wert und Folgekosten haben.
An Hand eines aktuellen Falls wollen wir daher einmal erläutern, wie wir als Gutachter derartige Schäden aufspüren und Ihnen darüber hinaus ein paar Tipps geben, worauf Sie bei der Besichtigung von Booten achten sollten, um Anzeichen von Strukturschäden zu identifizieren.
Warum versteckte Schäden so gefährlich sind
Immer wieder zeigt sich bei Begutachtungen, dass Käufer durchaus sehr aufmerksam sind, was oberflächliche bzw. kosmetische Mängel an Booten anbelangt. Durchaus auch mit kritischem Blick für Details wie Spannungsrisse im Gelcoat.
Doch während solche augenscheinlichen Mängel leicht zu erkennen sind, liegen strukturelle Probleme oft tief unter der glänzenden Oberfläche verborgen. Besonders kritisch sind dabei Schäden an tragenden Rumpf-Elementen wie:
- der Kielmatrix (bei Segelbooten)
- der Innenschale
- sowie Stringern, Spanten und Wrangen.
FallSTUDIE: Strukturschaden an einer Performance 907
Wie verhängnisvoll solche „kosmetischen“ Reparaturen sein können, zeigt das Beispiel einer vor kurzem durchgeführten Begutachtung einer Perfomance Marine 907, die sich auf den ersten Blick in einem durchaus guten Zustand präsentierte.
Doch während auch das geschulte Auge zunächst nichts wesentliches zu beanstanden hatte, ergaben nüchterne Messungen schon bald erste Verdachtsmomente, dass etwas nicht stimmt.
Schritt 3: Die Visuelle Detailprüfung
Da rein „oberflächlich“ immer noch nichts zu erkennen war, folgte eine visuelle Detailprüfung, bei der der Rumpf aus allen möglichen Blickwinkeln betrachtet wird, um „nicht strakende“ Linien zu erkennen. Insbesondere im Bereich des Unterwasserschiffs können solche Stellen durch das kaum reflektierende Antifouling schwer auszumachen sein. Aus dem Verdacht wurde ein Faktum.
Schritt 4: Der Thermographie Scan
Da das gesamte Ausmaß des Schadens zu diesem Zeitpunkt immer noch weitgehend unbekannt war, folgte in einem nächsten Schritt die Inspektion der betroffenen Rumpfsektion mittels einer hochauflösenden Infrarot-Kamera, wobei das festgestellte Temperaturmuster erste „sichtbare“ Hinweise für eine grossflächige Delamination ergab. Die Fakten verdichteten sich.
Schritt 5: Die Videoskop Inspektion
Mit dem Schadenbereich nunmehr eindeutig identifiziert, folgte abschließend noch eine Inspektion der Innenschale mittels Videoskop, womit auch die Überprüfung schwer zugänglicher Bereiche möglich war. Der Befund: ein grossflächiger struktureller Schaden, welcher nur rein äußerlich instandgesetzt wurde.
Wie Erkennt man Versteckte Schäden beim Bootskauf?
Wie die obige Fallstudie verdeutlicht, kann die Identifikation eines versteckten Strukturschadens – insbesondere bei einer vorangegangenen Reparatur – eine Kombination unterschiedlicher Prüfschritte erforderlich machen, um das genaue Schadenausmaß zu ermitteln.
Aber keine Sorge: auch ohne all die Messtechnik, die wir als Gutachter verwenden, lassen sich Hinweise aufspüren, die auf potenzielle strukturelle Schäden hindeuten. Beachten Sie dazu am besten die nachfolgenden Tipps:
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Die visuelle Inspektion Achten sie bei der Besichtigung eines Bootes auf exakte und "strakende" Linien. Betrachten sie dazu den Rumpf aus unterschiedlichen Perspektiven- am besten in einem flachen Winkel zur Oberfläche. Achten sie ausserdem auf allfällige Farbunterschiede oder Risse im Gelcoat.
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Klopftests durchführen Erscheint eine Stelle verdächtig, so empfiehlt es sich, den betroffenen Bereich grossflächig abzuklopfen (Zur Not auch mit der Hand), Ändert sich das Klangbild zu einem dumpfen Ton hin, so kann dies ein Hinweis auf Delamination sein.
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Rumpf-Innenschale kontrollieren Wo immer möglich - aber ganz besonders an verdächtigen Stellen - verschaffen sie sich Zugang zur Rumpf- Innenschale (Anheben von Bodenluken, Entfernen von Polsterungen).
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Feuchtigkeit beachten Zeigen sich im Bereich des Unterwasserschiffs auffällige Stellen im Antifouling, die deutlich nasser sind als die Umgebung, so kann dies ein Hinweis auf darunter liegende Rissbildungen sein.
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Die Grenzen der Eigenprüfung Trotz aller Aufmerksamkeit kann die richtige Einordnung von rein äußerlichen Auffäligkeiten für den Laien schwierig sein. Im Zweifelsfall ist es daher ratsam, vor dem Kauf einen Gutachter hinzuzuziehen.
FAZIT
Verdeckte Strukturschäden sind eines der größten Risiken beim Bootskauf – und darüber hinaus auch ein weitaus häufigeres Problem, als gemeinhin angenommen wird. In der Praxis erleben wir derartige Fälle bei gut 10 Prozent aller Besichtigungen.
Hat man ein derart beschädigtes Boot erst einmal gekauft, so sind die Konsequenzen erheblich und reichen von hohen Reparaturkosten bis hin zu signifikantem Wertverlust. Zudem ist die Frage der Haftung oftmals schwierig zu klären.
Daher gilt: nur eine systematische und fachundige Begutachtung bringt Klarheit!
Mit seemännischen Grüssen, Ihr
Ing. Ingolf Schneider, MASc (AffIIMS)
Zertifizierter Sachverständiger für Boote und Yachten bis 24m (LLoyds Maritime Academy, American Boat and Yacht Council). Mitglied der Royal Institution of Naval Architects und des International Institute of Marine Surveying