Wie wir ja spätestens seite der Lektüre des Artikels „Galvanische Korrosion auf Booten“ wissen, stellt der richtige Schutz vor galvanischer oder elektrolytischer Korrosion eine (lebens-)wichtige Maßnahme für die Sicherheit von Boot und Mannschaft dar.

Im Falle der „Random Harvest“ war es einzig und allein dem routinierten und raschen Handeln des Skippers zu verdanken, dass ein Sinken verhindert werden konnte.

Doch seien wir uns ehrlich: wie viele von uns hätten in einer derart stressbelasteten Situation denn auch daran gedacht, die Seewasserpumpe des Motors zur Not-Bilgenpumpe umzurüsten? Ich lade Sie ein, werte Leser, die wahrscheinlicheren Alternativszenarien einfach einmal gedanklich durchzugehen.

Die sich opfernde Anode

Die beste Strategie für den durchschnittlichen Freizeit-Skipper besteht ohne Zweifel darin, die richtigen (und vorbeugenden) Mittel im Kampf gegen elektrochemische Korrosion anzuwenden.

Während sich Eigner von Stahl- oder Aluminiumbooten in der Hinsicht oftmals relativ komplexer Fragen stellen müssen, stellt diese Aufgabe bei GFK Booten glücklicherweise eine etwas gemäßigtere Herausforderung dar.

Eine der wichtigsten Maßnahmen ist die Wahl der passenden Opferanoden. Denn deren Aufgabe ist es ja – wie ihr Name schon verrät – sich für jene Metallteile, die an unserem Rumpf verbaut sind, durch die Bereitstellung von Elektronen zu opfern.

Und damit sie das tun kann, muss sie ein höheres Eigenspannungspotenzial aufweisen, als das nächstgelegene unedlere Metall, welches wir zu schützen Gedenken. Als Faustregel sollte dieser Potenzialunterschied mindestens -200mV ausmachen.

Jene Metalle die das höchste Eigenspannungspotenzial aufweisen, also Magnesium und Zink, werden wir demnach auch dann häufig antreffen, wenn wir uns die Auswahl von Opferanoden in einschlägigen Zubehörkatalogen ansehen.

Etwas weniger prominent sind vermutlich Opferanoden aus diversen Aluminiumlegierungen, obwohl sich deren Verbreitung in den letzten Jahren ebenfalls zu häufen scheint.

Ein weiterer, wichtiger Faktor bei der Bestimmung des passenden Anodenmaterials, ist das Revier, in dem unser Boot die überwiegende Zeit verbringen wird:

Tabelle: Opferanoden

Das Revier bestimmt das Material der Anode

Der Grund dafür liegt darin, dass die elektrische Leitfähigkeit von Wasser mit zunehmendem Salzgehalt bzw. Verschmutzungsanteil zunimmt, wodurch auch die Wirksamkeit der Anoden unterschiedlich hoch ausfällt.

Vor diesem Hintergrund ist auch strikt davon abzuraten, Magnesium-Anoden in Meerwasser zu verwenden, da durch deren hohes Eigenpotenzial in Verbindung mit der guten Leitfähigkeit des Salzwassers auch ein „Überschutz“ entstehen kann, welcher insbesondere an Aluminium-Teilen (Außenborder/Z-Antrieb) ebenfalls zu korrosiven Schäden führen kann.

Das Elektron, das aus der Ferne stammt

So weit so gut. Wir wissen also nun, was es bei der Auswahl von Opferanoden zu berücksichtigen gilt. Zeit, sich zurückzulehnen und sich unterhaltsamerer Lektüre zuzuwenden, könnte man meinen.

Wäre da nicht dieses berühmte „Momenterl noch“, dass uns der Physiklehrer immer zurief, wenn wir mit dem Zuklappen der Bücher zu voreilig waren. Aber weshalb? Wir haben doch jetzt eine sorgfältig auserwählte Anode, die all unsere Unterwasser-Metalle am Boot schützt. Wo kann hier noch ein Problem liegen? Ganz einfach: direkt neben ihnen!

Schema Elektrolytische Korrosion
Elektrolytische Korrosion bei Booten

Denn sobald Sie in einer Marina liegen, sind Sie ja in der Regel auch von anderen Booten umgeben. Und schon jenes Ihres unmittelbaren Nachbarn, kann unter Umständen mittels heimtückischer Elektronen-Attacken dafür sorgen, dass Ihre Borddurchlässe, Z-Antriebe oder Wellen angegriffen werden. Und das, während Sie ganz friedlich einen gemeinsamen Manöverschluck nehmen!

Als Sie nämlich von Ihrem entspannten Bootsausflug zurückkahmen, steckten Sie ja gleich einmal den Landstrom an, um die Batterien zu laden und wieder schön erfrischende Getränke im Kühlschrank zu haben.

Und dadurch, dass die Erdungsleitung Ihres Bootes, genauso wie die Erdungsleitung aller anderen Boote in der Marina, auf der Landseite in ein- und dem selben Strang münden, haben Sie sich quasi zu einer riesigen Batterie zusammengeschlossen.

Und jede Art von unerwünschten Fehler- oder Kriechströmen in deren Elektroinstallationen, kann nun ungehindert auch durch Ihr Boot fließen und somit wieder zu elektrolytischer Korrosion führen. Oder zumindest für ein beschleunigtes Ableben Ihrer teuer erworbenen Anoden sorgen.

Galvanische Isolatoren und Trenntransformatoren

Spätestens jetzt sind wir also an einem Punkt angelangt, an dem wir im Kampf gegen unerwünschten Elektronenverkehr schärfere Geschütze auffahren müssen.

Und die Wahl der Waffen fällt hier eindeutig auf galvanische Isolatoren oder Trenntransformatoren, die dafür Sorge tragen, dass unsere eigene Erdungsleitung von den Erdungen der Marina bzw. anderer Boote getrennt bleibt, bzw. nur im Falle eines Kurzschlusses an Bord hergestellt wird, um Schutzschalter ordnungsgemäß auszulösen.

Ein galvanischer Isolator

Die Feinheiten zur Funktionsweise möge sich der interessierte Leser bitte vom Fachhändler seines Vertrauens erläutern lassen, oder über die unerschöpflichen Weisheiten des Internets recherchieren, zumal deren Darstellung den angedachten Zweck dieses Artikels deutlich übersteigen würde.

Wichtig ist, erst einmal zu wissen, dass sie exterritoriale Elektronen von unserem eigenen Boot fernhalten und somit ein wesentlicher Bestandteil eines wirkungsvollen Korrosionsschutzes sind, sobald wir über einen Landstromanschluss verfügen.

Der Potenzialausgleich: alles auf Linie, oder was?

Ein letzter Punkt, der jetzt noch zu berücksichtigen bliebe, wäre die Rolle des sogenannten „Potenzialausgleichs“ in unserem gesamten Schutzsystem. Denn die teuerste Opferanode nützt schließlich wenig, wenn sie – auf sich alleine gestellt – irgend-wo an der Außenseite unseres Rumpfes dahinvegetiert.

Vielmehr müssen wir dafür sorgen, dass Sie ihren Elektronen-Überschuss auf effizientem Weg dorthin liefern kann, wo er gebraucht wird.

Und wie wir wissen, geht zu diesem Zwecke nichts über ein solides Kabel, dass – möglichst ohne korrodierte Anschlüsse oder beschädigte Isolierungen – die Opferanode(n) mit den zu schützenden Unterwasserinstallationen verbindet.

Ob dabei sämtliche Unterwasser-Installationen miteinbezogen werden sollen, oder nur Hauptkomponenten wie Antrieb, Welle oder Ruderanlage, ist immer wieder Gegenstand kontroverser Diskussionen.

Die US ABYC-Standards (E-11) bieten hier jedoch eine klare Vorgabe:

„Alle elektrisch leitenden … Installationen, die in Kontakt mit Bilgen- oder Seewasser stehen“ wären demnach mit dem Potenzialausgleich bzw. den Anoden zu verbinden.

Ich empfehle, diesbezüglich eine Auskunft beim Hersteller Ihres Bootes einzuholen.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!

Lassen Sie uns also zusammenfassen:

Ein wirkungsvolles Schutzsystem gegen elektrochemische Korrosion umfasst folgende Punkte:

  • Material und Anzahl der passenden Opferanoden
  • Die Installation von galvanischen Isolatoren oder Trenntransformatoren (bei Booten mit Landstrom)
  • Und einen sauber installierten Potenzialausgleich (=Kabel) zwischen Anode(n) und UW Fittings

Vergewissern Sie sich also regelmäßig, dass diese essentiellen Komponenten auf ihrem Boot auch in funktionsfähigem Zustand sind.

icon attention Überprüfen Sie mindestens 1x pro Saison den Zustand ihrer Opferanode(n). Sind diese zu 50% oder mehr aufgebraucht, so erneuern Sie diese rechtzeitig.

icon attention Vermeiden Sie tunlichst, beim Kauf von Opferanoden allein dem günstigsten Angebot den Vorzug zu geben. Nur qualitativ hochwertige Legierungen gewährleisten eine optimale Schutzwirkung. Die Angabe einer US Mil-Spezifikation (nach Navy-Standards) ist ein wesentliches Qualitätsmerkmal.

MIL-Spezifikation bei Opferanoden

icon attention Kontrollieren Sie regelmäßig die Verbindung zwischen Anode(n) und zu schützenden UW Metallen. Achten Sie dabei penibel auf Isolationsfehler oder korrodierte Anschlüsse. Der elektrische Widerstand in diesem Potenzialausgleich sollte 1 Ohm nicht überschreiten!

icon attentionÜberprüfen Sie den Zustand von Verkabelungen, die in der Bilge verlaufen. Schlecht ausgeführte Anschlüsse an Bilgepumpen oder Schwimmerschalter sind häufige Ursachen für Kriechströme.

icon attention Verwenden Sie nur Ladegeräte, die für Marine Anwendungen ausgewiesen sind. Von einer fixen Installation herkömmlicher KFZ Lader ist abzuraten!

icon attention Achten Sie stets auf den Zustand Ihrer Borddurchlässe, Seeventile und anderer UW Installationen. Stellen Sie übermäßige Anzeichen von Korrosion fest, so besteht dringender Handlungsbedarf!

Mit Sachverstand urteilen

Behalten Sie aber vor allem immer im Auge, dass Sie es mit einem Thema zu tun haben, dass in Wahrheit ganze Bibliotheken füllt.

Und auch der vorliegende Artikel dient lediglich Ihrer Sensibilisierung, erhebt aber bei weitem nicht den Anspruch, den Leser zu einem Experten in Marine-Korrosion zu machen.

Im Zweifelsfall sollten Sie also stets eine fachkundige Person mit der Überprüfung des kathodischen Schutzes bzw. der damit verbundenen Installationen betrauen.

Konzessionierte Elektro-Installationsunternehmen sind schon mal eine gute Anlaufstelle. Wenngleich Marine-Elektrik einige Tücken aufweist, die bei normalen Hausinstallationen nicht anzutreffen sind.

Fragen Sie also bei der Auswahl einer Fachkraft immer nach, ob man mit den einschlägigen Normen ISO 10133 und ISO 13297 vertraut ist.

Diese gehören zur Europäischen „Recreational Craft Directive“ und umfassen die einschlägigen Bestimmungen für Elektroinstallationen auf Booten. Sie sollten daher als bekannt vorausgesetzt werden.

Außerdem sollte auch eine Möglichkeit vorhanden sein, dass „Rumpfpotenzial“ des Bootes mittels einer Referenzelektrode zu bestimmen, um die Effizienz des kathodischen Schutzsystems im Hinblick auf Art und Anzahl der Anoden sowie das Vorhandensein allfälliger Kriechströme zu überprüfen.

Dermaßen gerüstet, sollten Sie und Ihr Boot von einem Schicksal wie bei der „Random Harvest“ verschont bleiben.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein herzliches Ahoi und immer die berühmte Handbreit Wasser unter dem Kiel.

Ihr Ing. Ingolf Schneider, MASc (AssocRINA)
Sachverständiger für Boote und Yachten

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