Eignerboot oder Ex-Charteryacht – Informationen und Kauftipps vom Gutachter

Die Frage, ob eine ehemalige Charteryacht eine gute Kaufoption oder eher ein Fass ohne Boden ist, beschäftigt viele unserer Kunden, denn gerade Kroatien, das mit einer Flotte von rund 6.000 Booten als das dichteste Charterrevier der Welt gilt, spült jedes Jahr unzählige Yachten auf den Gebrauchtbootmarkt.

Als Gutachter für Boote und Yachten sehen wir natürlich eine Vielzahl an Schiffen aus beiden Welten – dem Chartermarkt und aus privater Eignerhand. Und aus unserer langjährigen Praxis kann ich sagen: die Antwort ist, wie so oft im Leben, nicht einfach nur schwarz oder weiss.

Eine pauschale Abneigung gegen Ex-Charterboote ist ebenso unangebracht wie eine blinde Euphorie für vermeintliche Schnäppchen. Denn es gibt sie durchaus, die gut-gepflegten und gewarteten Charteryachten, die so mancher Eigneryacht in nichts nachstehen – und genauso gibt es vernachlässigte Eignerboote, bei denen man sich fragt, ob der Begriff „Liebhaberstück“ nicht eher zynisch gemeint war.

Es kommt also ganz auf die individuellen Umstände an. Sehen wir uns diese gemeinsam an:

Der entscheidende Faktor: Von wem kauft man und wem gehörte das Boot?

Ein wesentlicher Punkt beim Kauf einer Ex-Charteryacht ist ihre Herkunft. Große, renommierte Vercharterer mit einer professionellen Infrastruktur und fest angestelltem Personal können es sich schlichtweg nicht leisten, ihre Flotte technisch zu vernachlässigen. Jeder Ausfall während der Saison kostet nicht nur Geld, sondern auch Reputation. Und aus diesem Grund unterliegen diese Yachten in der Regel strengen Wartungsplänen.

Während es bei kleineren Charterfirmen schon einmal vorkommen kann, dass aus Zeitnot oder Ersatzteilmangel während der Saison improvisiert wird und im Zuge der Begutachtung eine nicht ganz so fachgerechte Reparatur zu beanstanden bleibt. 

Eine weiterer, nicht zu unterschätzender Indikator ist die Frage,  ob sich die Yacht im Eigentum des Vercharterers befand, oder ob Sie einem privaten Eigentümer gehörte und im Rahmen eines Charter-Management Vertrags gelistet war. 

Denn die Erfahrung zeigt, dass Charterfirmen bei ihren eigenen Booten oft doch ein wenig genauer hinsehen. Sie haben das langfristige Wohl ihres eigenen Assets im Blick. Während der Check-Out bei Booten im Charter-Management schon mal etwas „zügiger“ von Statten geht – bleibt ja am Ende des Tages oftmals der Eigner auf Beanstandungen oder Reparaturen sitzen. 

Wohlgemerkt ein Indikator, der nicht immer so zutreffen muss, der aber jedenfalls einen genaueren Blick hinter die Kulissen rechtfertigt. 

Zustand und typische Mängel: Wo genau hinschauen?

Charteryachten werden intensiv genutzt – und das nicht immer von erfahrenen Crews bzw. Skippern, was im Vergleich zu Eigneryachten natürlich unweigerlich zu einem höheren Grad an Abnützung führt. 

Die gute Nachricht ist allerdings, dass dies meist auf kosmetische Mängel bzw. Schäden beschränkt ist. Im Hinblick auf die Technik und deren Wartung können Ex-Charteryachten hingegen regelmäßig mit ihren privat genützten Artgenossen mithalten bzw. übertreffen diese oftmals sogar. Was – wie Eingangs bereits erwähnt – daran liegt, dass man Ausfallzeiten während der Saison verhindern möchte.

Aber wo genau liegen nun die Unterschiede?

Nun… um diese Frage einmal einer objektiven Beantwortung zuzuführen, haben wir einmal die Mängeldaten aus jeweils 50 Gutachten von Ex-Charter sowie Eignerbooten ausgewertet und gegenübergestellt. Mit teilweise überraschenden Erkenntnissen, wie die nachfolgende Grafik illustriert:

Ein Diagramm, das die Mängelverteilung bei Ex-Charteryachten sowie bei Eigneryachten gegenüberstellt
Diagramm: Mängelverteilung bei Ex-Charteryachten versus Eignerbooten (in Prozent) - Datenauswertung aus jeweils 50 Gutachten

Wie gewiss zu erwarten war, bestätigt unsere Auswertung, dass Ex-Charteryachten vor allem im Bereich optischer Zustand (Rumpf und Interieur) gegenüber Eignerbooten das Nachsehen haben.

Auch strukturell zeigen sich bei Ex-Charterbooten etwas mehr Mängel, was auf eine gewiss höhere Frequenz an Grundberührungen zurückzuführen ist.

Punkten können sie hingegen in Summe in allen technischen Belangen, was einmal mehr die üblicherweise umfassendere Wartung unterstreicht. 

Wenn man also einmal von den wenigen Fällen mit strukturellen Mängeln absieht, so kann man getrost schlussfolgern, dass die Behebung von kosmetischen Schäden bei Ex-Charteryachten nicht selten mit weniger Kostenaufwand verbunden ist, als die Beseitigung diverser Wartungsstaus bei Eigneryachten. 

Auch hier gilt wiederum: diese Rechnung muss nicht immer aufgehen – sollte aber von einem interessierten Käufer jedenfalls einmal aufgestellt werden.

Die Preisverhandlung: Nüchterne Kostenrechnung versus Emotionaler Bindung

Ein weiteres Phänomen, das sich immer wieder beobachten lässt, betrifft die Preisverhandlungen:

Charterfirmen betrachten ihre Boote als nüchternes Investitionsobjekt. Und der Verkaufspreis wird in der Regel im Spannungsfeld zwischen Einkaufspreis, erzielten Charter-Einnahmen und allfälligen Re-Investitionen sowie den aktuellen Rahmenbedingungen am Markt festgelegt. Man kennt das Umfeld und wird danach streben, all zu lange Standzeiten durch einen „realistischen“ Preis zu verhindern.

Im Gegensatz dazu erlebe ich bei Eigneryachten sehr oft, dass bei den Preisverhandlungen viel zu emotional agiert wird, weil man mit dem Boot auch viele schöne Erinnerungen verbindet und für diese offenbar soetwas ähnliches wie ein „Schmerzensgeld“ in den Verkaufspreis mit einrechnet. Was potenzielle Käufer naturgemäß nicht unbedingt honorieren wollen. 

Hinzu kommt, dass Charterfirmen fast ausnahmslos über Maklerbüros verkaufen, welche auch im Umgang mit Gutachtern entsprechende Erfahrung mitbringen und ihr Vertragswerk darauf abgestimmt haben. Das bedeutet, es wird in der Regel ein Vorvertrag abgeschlossen, in dem auch klar geregelt wird, wie mit dem Ergebnis der Begutachtung umzugehen ist.

Unter dem Strich gestalten sich die Preisverhandlungen bei Ex-Charterbooten daher oftmals einfacher, da nüchterne Kostenrechnung ohne Sentimentalitäten das Hauptargument darstellt.

Der Mehrwertsteuer Nachweis

Unabhängig von der Diskussion über Zustandsfragen, lohnt es sich auch im Bezug auf den Mehrwertsteuer-Nachweis stets etwas genauer hinzusehen.

Nicht selten sitze ich am Ende der Begutachtung einer Eigneryacht vor Ordnern mit Dokumenten, Handbüchern und Reparaturrechnungen, nur um dann festzustellen, dass der im Inserat versprochene Nachweis der Mehrwertsteuer-Abfuhr doch nicht vorhanden ist. Was den Käufer einem nicht unbeträchtlichen Risiko einer Nachversteuerung aussetzt – zumal es bis Dato immer noch keine eindeutige und vor allem EU-weite Judikatur dazu gibt (ja, das ist so – egal was Ihnen diverse schlaue Artikel dazu weismachen wollen).

Beim Kauf einer Ex-Charteryacht hingegen erhalten Sie eine Faktura mit ausgewiesener Mehrwertsteuer und die Sache ist ein für alle mal belegt und erledigt.

Quo Vadis Chartermarkt - SCHNÄPPCHEN ANTE PORTAS?

Zu guter letzt möchte ich auch noch einen weiteren, interessanten Aspekt für potenzielle Käufer von Ex-Charteryachten anführen:

Wer verangenes und vor allem dieses Jahr in Kroatien unterwegs war (oder ist), dem wird nicht entgangen sein, dass es in den üblichen Hochburgen der Branche merklich beschaulicher zugeht, als noch vor zwei oder drei Jahren.

Und auch von Branchen-Insidern wird bestätigt, dass die Buchungen im Vergleich zu 2023 um etwa 30 Prozent eingebrochen sind. Gleichzeitig finden sich aktuell keine Anzeichen dafür, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Europa einen baldigen Wiederanstieg der Buchungszahlen erwarten lassen.

Vor dem Hintergrund ständig steigender Erhaltungskosten und Liegegebühren ist also zu erwarten, dass die Flotte ab Herbst eine Schlankheitskur erfahren wird und viele Boote zum Verkauf gelistet werden. 

Wer mit dem Gesetz von Angebot und Nachfrage vertraut ist, wird erkennen, dass dies nicht zum Nachteil potenzieller Käufer sein wird. 

Die Kernpunkte im Direkten Vergleich: Ex-Charteryacht versus Eigneryacht

Ex-Charteryacht

Technische Wartung
Vor allem bei gößeren und renommierten Anbietern weisen Ex-Charteryachten in der Regel eine gute technische Wartung auf
Reparatur- bzw. Refitkosten
Die Behebung kosmetischer Mängel ist oftmals günstiger, als die Beseitigung von Wartungsstaus
Professionelle Verkaufsabwicklung
Vertragsgestaltung durch erfahrene Makler sowie objektivere Preisverhandlungen
Klarheit bei der Mehrwertsteuer
Durch Faktura mit ausgewiesener MwSt
Kabinen Layout
Das Kabinenlayout ist in der Regel auf max. Crew-Anzahl ausgelegt und daher weniger geräumig als bei Eigneryachten
Kosmetische Mängel und Blessuren
Vom kleineren Rammschäden bis hin zum Verschleiss beim Interieur
Schwierigerer Wiederverkauf
Auf Grund weit verbreiteter Vorbehalte

Eigneryacht

Layout und Ausstattung
Meist geräumigere Kabinenaufteilung und bessere Ausstattung (Komfort- und Navigationselektronik)
Pflege und optischer Zustand
Zumindest was die Pflege und den optischen Zustand anbelangt, lassen Eigner in der Regel Sorgfalt walten
Einfacherer Wiederverkauf
Käufer honorieren oftmals eine belegbare private Eigner-Historie
Risiko von Wartungsstaus
Aus den Augen aus dem Sinn - weniger prominente Installationen werden bei der Wartung gerne vernachlässigt
Verkaufsabwicklung mitunter kompliziert
Von der Erbringung erforderlicher Dokumente, über die Vertragsgestaltung bis hin zur Preisverhandlung - private Eigner bzw. Verkäufer können mitunter etwas mühsam sein.
Ungeklärte Mehrwersteuer Frage
Gerade bei etwas älteren Booten erweist sich der Nachweis der abgeführten Mehrwertsteuer im Rahmen von Privatverkäufen oftmals als schwierig.

Fazit: Eine Chance für informierte käufer

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass eine Ex-Charteryacht durchaus eine attraktive Option sein kann, wenn man an den Kauf eines gebrauchten Bootes denkt.

Der Schlüssel zum Erfolg liegt in einer sorgfältigen Auswahl des Anbieters, dem Verständnis für die typischen Eigenschaften und, nicht zuletzt, einer sorgsamen Überprüfung des Schiffes – am besten durch einen professionellen Gutachter.

Wer mit dem funktionalen und auf maximale Belegung ausgelegten Layout leben kann und den Fokus auf eine solide technische Basis legt, kann ein gut gewartetes und zuverlässiges Boot zu einem fairen Preis erwerben.


Lassen Sie sich nicht von Horrorgeschichten abschrecken, aber seien Sie auch nicht naiv. Ziehen Sie im Zweifelsfall immer einen unabhängigen Gutachter hinzu. Denn am Ende zählt nicht, ob eine Yacht aus Charter oder von einem Eigner stammt, sondern ihr tatsächlicher Zustand – und den gilt es, objektiv und fachkundig zu bewerten.